Im März in Peking: Die Weiden treiben ihre ersten Knospen, doch die Luft bleibt kühl. Die Sonne verspricht den Frühling, aber ein plötzlicher Nordwind bringt die Kälte zurück.
Da spricht ein alter Weiser mit ruhiger Stimme:
„春捂秋冻 (chūn wǔ qiū dòng) – Im Frühling lieber warm anziehen, im Herbst ruhig etwas frieren lassen. Dies ist das Gesetz von Himmel und Erde.“

Die Geschichte und ihre Philosophie
Der Alte schaut auf die zarten Knospen und erklärt:
„Im Frühling steigt die 阳气 (yáng qì) – die Lebensenergie – empor wie ein junger Trieb aus der Erde. Legt man die warmen Kleider zu früh ab, dringt die 寒气 (hán qì) – die Kälte – in den Körper ein, wie Frost, der zarte Pflanzen trifft und ihre Wurzeln schwächt.
Im Herbst dagegen wirkt die Kühle wie ein Schleifstein. Wer sich nicht sofort in warme Kleidung hüllt, gibt dem Körper die Gelegenheit, sich zu stählen. So ist man im kommenden Winter widerstandsfähiger.“
Im klassischen Werk Huangdi Neijing 《黄帝内经》 (Der Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin)– einem der ältesten medizinischen Klassiker Chinas, entstanden vermutlich zwischen dem 3. und 1. Jahrhundert v. Chr. – heißt es:
„人与天地相应,与四时相和。“
„Der Mensch stimmt sich auf Himmel und Erde ein und lebt im Einklang mit den
四时 (sì shí, die vier Jahreszeiten)“

Auch in Deutschland findet man ähnliche Weisheiten. Man sagt: „Im März noch einen Schal tragen schadet nie.“ Besonders bekannt ist die Tradition des Abhärtens, etwa durch kaltes Wasser oder Sport im Freien, selbst im Winter. Dazu gehört auch die Kneipp-Kur, entwickelt vom bayerischen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897). Sein Naturheilverfahren – u. a. Wassertreten und andere Abhärtungsmethoden – gilt heute als Teil des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Diese Praktiken erinnern stark an das chinesische Prinzip des „秋冻 (qiū dòng)“, bei dem der Körper bewusst etwas Kühle erfährt, um die Widerstandskraft zu stärken.
Doch die Blickrichtungen sind verschieden:
- In der chinesischen Philosophie geht es mehr um Harmonie und Anpassung – der Körper wird als Teil des Kosmos gesehen.
- In der deutschen Tradition steht eher Übung und Wille im Vordergrund – den Körper bewusst zu trainieren, mit wissenschaftlicher Strenge.
Am Ende führen beide Wege zur gleichen Einsicht: Gesundheit bedeutet nicht, die Natur zu bekämpfen, sondern mit ihr im Einklang zu leben.
Der Alte fasst es leise zusammen: „养生 (yǎng shēng) – die Pflege des Lebens – bedeutet nicht, nach geheimen Künsten zu suchen. Wenn das Herz den Jahreszeiten folgt und die Kleidung dem Wetter, dann ist die Natur selbst die beste Medizin.“
Vokabeln zum Mitlernen
- 春捂秋冻 (chūn wǔ qiū dòng) – Im Frühling warm anziehen, im Herbst frieren lassen
- 四时 (sì shí) – die vier Jahreszeiten
- 阳气 (yáng qì) – Lebensenergie, Yang-Energie
- 寒气 (hán qì) – Kälte, die den Körper angreift
- 养生 (yǎng shēng) – die Pflege des Lebens, gesund leben

